Friederike Meyer in der Bauwelt 24/2001:

Eine Art Bestandsaufnahme hatte die Architektenkammer Sachsen zu ihrem zehnjährigen Bestehen beim Herausgeber in Auftrag gegeben. Keine weitere Hochglanz-Zusammenstellung der neu entstandenen Bauten sollte es sein, sondern ein Blick auf die Veränderung im Großen und Kleinen, im Öffentlichen und Privaten. Städte, Dörfer und Landschafen sind die Schauplätze, ihre Bewohner die Akteure der Geschichten im Sachsen der Nachwendezeit. Sie erzählen vom „guten Menschen von Gröditz“, der das Flair seines Ruhesitzes auf Teneriffa in seinen sächsischen Heimatort bringen wollte, vom Chemnitzer Stadtzentrum und seinen gescheiterten Aufbauakteuren, vom schönen Görlitz in der wirtschaftlichen Warteschleife, vom Laboratoriums-Charakter des Leipziger Stadtteils Plagwitz, von Hoyerswerda und dem Dresdner Sandstein-Fanatismus sowie der Frage nach der Rolle der Iteration beim Heilungsprozess der Städte. Es ist kein fröhliches, kein euphorisches Bild, das in Texten von neun Autoren sowie Fotoessays von Steffen Wirtgen, Petra Steiner und Rudolf Hartmetz gezeichnet wird. Vielmehr liefern sie einen Zustandsbericht der Befindlichkeiten zwischen Stadtumbau und Restaurierungswahn, zwischen Bevölkerungsschwund und dem Agieren westdeutscher Entscheidungsträger. Entstanden ist ein Lese- und Bilderbuch, das die Frage nach der Realität in den einst versprochenen blühenden Landschaften mit einer Liebenswürdigkeit beantwortet, die Unmut und Bedauern hervorruft, aber auch Kraft gibt und Mut macht.

 

Thomas Gärtner in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28. Juni 2001:

Noch so ein Architekturbuch für Architekten? Nein, sagte sich Wolfgang Kil, wenn schon ein Band zum zehnjährigen Bestehen der sächsischen Architektenkammer sein muss, dann machen wir mal ganz was anderes. „Nicht so einen Jubiläumsband, in dem man als Architekt nach dem Bild vom eigenen Haus sucht oder nach dem des bösen Kollegen.“ Kil, renommierter Berliner Architekturkritiker - 1997 mit dem Kritikerpreis des Bundes Deutscher Architekten geehrt und Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste - hatte eine bessere Idee: „Ich dachte, die Architekten lassen sich mal von den Kollegen Schriftstellern erzählen, wie die das veränderte Land Sachsen sehen.“ Herausgekommen ist der Band „Neue Landschaft. Sachsen“, und der enthält „elf Zustandsberichte und eine Polemik“.
Zwei der Autoren und der Herausgeber haben ihn jetzt im Haus des Buches vorgestellt. Die gängigen Erfolgsgeschichten finde der Leser hier nicht. Und Architekturkritiker Torsten Birne - er hat einen Beitrag über die „Neue Mitte“ von Chemnitz geliefert - sieht als Quintessenz des Buches sogar ein relativ düsteres Bild, das durchweg alle Autoren zeichnen. Zu denen gehören auch drei Fotografen. „Alle“, sagt Birne, „haben in den vergangenen zehn Jahren einen starken Epochenbruch festgestellt, der zu sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen geführt hat. Der ist bislang nicht bewältigt. Wir haben den Zustand der Gelassenheit noch nicht erreicht. Es ist immer noch alles in Bewegung.“ Kil spricht im Nachwort des Buches gar von einer „dritten Krise“, in die ostdeutsche Städte nunmehr geraten: „Nach dem akuten Substanzverfall als Erbe aus der DDR Zeit kam zuerst die ökonomische Auszehrung durch die Abwanderung von Handel und Häuslebauern auf die Grüne Wiese, inzwischen droht der Kollaps des Wohnungsmarktes durch immer weiter aufreißende Leerstände, weil der Exodus der Arbeitssuchenden nicht aufzuhalten ist.“
Thomas Rosenlöcher, der Lyriker, geißelt in seinem Text die übermäßigen Zugeständnisse heutiger Architekten an die Herrschaftsverhältnisse. Lustvoll spöttelnd. Einer, der das Nörgeln nicht sein lassen kann, einfach, weil ihm zu viel an seinem „Sandsteindresden“ liegt. Kil schließlich unternimmt in seinem Beitrag über Hoyerswerda, das, wovor es einem zunächst schaudert, einmal zu denken. Tatsache ist: Die Plattenbauten werden abgerissen, weil die Bewohner die Stadt verlassen, meist die jüngeren. Daneben die Landschaft der gefluteten Tagebaurestlöcher. Kehrt da eine Wildnis zurück? Eine Frage, die gestellt werden sollte. Kil plädiert für „Loslassen üben. Vineta einmal zu denken versuchen“. Denn der „geordnete Rückzug“ sei immerhin besser als der ungeordnete, den er mit einem abgewandelten Volker-Braun-Zitat „langsam knirschende Auflösung“ nennt.
Ein Buch, das für Zündstoff in der Diskussion über die Architektur der Gegenwart sorgen könnte. Der Streit und die Verständigung jedenfalls sind nötig. Da darf, wenn es so qualifiziert wie hier geschieht, schon mal gestichelt werden. Sogar mit Fotos geht das hier. Man schaue sich nur mal die Aufnahmen vom neuen Altkötzschenbroda an: Auweia. . .

zurück


Neue Landschaft. Sachsen.

11 Zustandsberichte und eine Polemik

       
  Bücher von W.Kil