|
Leseprobe:
Was
bleibt? Neue Landschaften
1972
hatte der Club of Rome mit seiner Globalexpertise „Grenzen des Wachstums“
das bis dahin unverwandt auf Zuwachs und Beschleunigung fixierte Denken
aufgestört. Leider ist es seither mit einer ökologischen Weltverantwortung,
gar Umsteuerung weder stetig noch rückschlagsfrei voran gegangen.
Im Gegenteil. Die Kapitulation des „Systemgegners Sozialismus“
hat in Sonderkonjunkturen und vorübergehender Aussicht auf Marktexpansion
noch einmal die Erwartungen an eine ins Grenzenlose ausdehnbare Warenproduktion
angeheizt, mitunter in geradezu hysterischer Heftigkeit.
Mit einem bisschen Mut zur Übertreibung ließe sich nun behaupten,
die so sträflich sorglosen Verschwendungsgesellschaften erhalten
noch eine zweite Chance, das Ruder herumzuwerfen, den unumgänglichen
Paradigmenwechsel in Angriff zu nehmen. Diesmal ist es keine Energiekrise
(noch nicht), sondern es sind die Krisensymptome der sich rapide ausbreitenden
Verliererregionen, die die notwendigen Fragen aufwerfen. Und die eher
früher als später zum Handeln zwingen, wobei es gleichgültig
wäre, ob man dann von „gesteuerter Entwicklung“ spräche
oder von „Schadensbegrenzung“, wenn es nur gelänge, die
Schrumpfung der von Deindustrialisierung und Peripherisierung betroffenen
Städte und Regionen zu den ihnen eigentümlichen Bedingungen
– also in Abkehr von allen zwanghaften Wachstumsbeschwörungen
– zu bewältigen. Ein neues Funktionsverständnis, eine
neue Nutzungsidee, wieder eine Raison d’être für die
aus den globalen Konkurrenzen ausgeschiedenen Räume finden –
damit würde ein wichtiger Schritt in Richtung auf praktische Nachhaltigkeit
getan, eine Reifeprüfung absolviert im Grundkurs ökologischen
Denkens und Handelns.
Disparate
Räume – New Territories
„Gehwege nach DIN-Norm, aber kaum noch Einwohner. Aufwendige Haltestellen
ohne Buslinien. Gewerbegebiete als beleuchtete Schafweiden.“ Nach
Meinung des Wirtschaftsjournalisten Hans Thie hat nichts der ostdeutschen
Entwicklung in den zurückliegenden Jahren so sehr geschadet wie die
„bedingungslose Anwendung des bundesdeutschen Rechts- und Ordnungsrahmens,
die nahezu jedes kreative Experiment verhinderte.“ Diese Analyse
hat es schwer, in einer breiteren Öffentlichkeit Akzeptanz zu finden,
denn um viele, vor allem regional wirkende Schrumpfungsprobleme offensiv
als Fantasie forderndes politisches Projekt anzugehen, hat sich ein Hinderungsgrund
bislang als besonders hartnäckig erwiesen – das im deutschen
Raumordnungsgesetz fixierte Gebot zur Gewährleistung gleicher Lebensbedingungen
im ganzen Land. Bis in welche Tiefen des herrschenden Gesellschaftsbildes
dieser an sich begrüßenswerte Vorsatz seit Generationen eingelagert
wurde, zeigt das hochgradig schlechte Gewissen, mit dem Planer gelegentlich
einräumen, welche Standards für sogenannte „Regionen im
Hinterland“ schon jetzt nicht mehr einzuhalten sind: „Damit
greifen wir in das Wertesystem von Lebensbedingungen ein und stellen möglicherweise
einen der Grundsätze unserer Zivilisation auf den Kopf.“
Allerdings: Stellt eine crashartige Deindustrialisierung mit nachfolgender
Dauerarbeitslosigkeit bis stellenweise 40 Prozent etwa keinen Eingriff
in herrschende Lebensbedingungen und Wertesysteme dar? Und gehört
Disparität der Verhältnisse nicht längst zur Alltagserfahrung?
...
Wie könnten regionale Privilegien beschaffen sein, um das Ansehen
einer Gegend zu stärken und so die Lust zum Bleiben anzuregen? Vielleicht
sollten hier zusätzliche Freiheiten winken? Eine Frage, der jeder
einmal entsprechend seinen ganz persönlichen Freiheitsbedürfnissen
nachgehen darf: Halbierung der Mehrwertsteuer? Kabelanschluss und Internet
frei Haus? Öffentlicher Nahverkehr zum Nulltarif? Kneipen ohne Polizeistunde?
Angeln ohne Angelschein? Auch „negative Freiheiten“ können
attraktiv sein, also Auflagen und Restriktionen, für deren Einhaltung
sich dann „Belohnungen“ maßschneidern ließen:
Öko-Regionen, in denen nur noch Passivhäuser genehmigt und Autos
mit Biodieselantrieb (aus heimischem Anbau) zugelassen würden, während
Haushalte, analog dem Prinzip der Emissionszertifikate, für nachgewiesenen
Einsatz erneuerbarer Energien Steuernachlässe oder Prämien kassieren.
Land
der Freien
Nichts scheint leichter, als sich entleerte Landschaften und einsame Weiler
in ihren annehmlichen Lebensqualitäten vorzustellen – jeder,
der im Urlaub anderen Spuren als den Trampelpfaden des Massentourismus
folgt, landet früher oder später in einer stillen Gegend. Nicht
nur Besucher, auch die daselbst dauerhaft ansässigen Bewohner werden
selten den Eindruck von Unzufriedenheit erwecken; sie halten es dort aus
– weil ihnen niemand das Weggehen verwehrt. Dieser Einklang mit
den Verhältnissen ist im Konfliktfall auch enorm belastbar, sein
Geheimnis lautet ganz einfach: Freiwillig.
Nach allem, was bislang zu den Themen „soziale Sicherheit“
und „Transfergesellschaft“ entwickelt wurde, steht fest: Freiwilligkeit
entsteht nur, wo keine Not ist. Die Wahl eines Ortes muss man sich leisten
können. Solange sie von schieren Existenzsorgen diktiert wird, kann
von freiem Willen keine Rede sein. Sobald jedoch für die Grundsicherung
einer menschenwürdigen Existenz Lösungen gefunden sind, lässt
sich die Alternative „Gehen oder Bleiben“ nach Temperament
und individuellem Lebensplan entscheiden: Wer die weite Welt mit ihren
Abenteuern und Zeitgeistern sucht, der geht; wer Halt in überschaubaren
Verhältnissen braucht, der bleibt. [...] Als „Land der Freien“
ist jedes Land schön.
...
Solange eine Neuverortung von sozialer Integration und Existenzsicherung
nicht gelingt, werden die inneren Peripherien weiter leer laufen bis zur
Verödung, mit allen Risiken der Verwilderung – wobei da nicht
so sehr an die Vegetation, vielmehr an die sozialen Zustände gedacht
sein soll. Sobald aber das Prinzip Freiwilligkeit zur Geltung kommt, könnte
aus der Verbannungszone das Abenteuerland werden, wo außer Gehen
oder Bleiben mit einem Dritten fest zu rechnen ist: Es werden auch Leute
hierher kommen, Neugierige, Tatendurstige, die „Zonen mit utopischem
Potenzial“ suchen für „soziale und gestalterische Experimente
im Sichtschatten unserer kontrollierten Welt...“ (Boris Sieverts)
...
Sollte mit dem Zugeständnis offenkundig disparater Räume und
Lebensverhältnisse der Sprung über den eigenen Schatten, sollte
also Neues Denken tatsächlich gelingen, könnte das so lange
Unaussprechliche, dieses Herausfallen ganzer Landesteile aus den ökonomischen
Verwertungszyklen, vielleicht einmal in einem anderen Lichte erscheinen:
„Sollte man den Scouts und Pionieren, die dort im retardierenden
Zukunftsland an den inneren Peripherien auf die ‚Rückkehr der
Wölfe‘ warten, nicht jede Art von Anreizen geben, die Auflassungsarbeiten
im Interesse des Weltklimas auf das Gewissenhafteste zu übernehmen?“
(Simone Hain) ... So klingen Überlegungen, die ohne Umschweife von
New Territories ausgehen, wo eine experimentierfreudige Minderheit sich
den Zukunftsfragen am Ende des Industriezeitalters lebenspraktisch stellt
– nach Kräften und im wohlverstandenen Eigeninteresse vom mehrheitlichen
Rest unterstützt. Was bedeuten würde – selbstverständlich
alimentiert. An dieser Stelle nur keine Bescheidenheit: Warum den Scouts
im nachindustriellen Neuland verwehren, was seit Jahrzehnten jedem Bauern
Westeuropas zusteht, der nach Maßgabe übergeordneter Interessen
seinen Acker nicht bestellt: eine „Stilllegungsprämie“!
Und so könnte am Ende der Abschied von einer Epoche noch die Wendung
ins Positive finden: Die vom Industriezeitalter entlassenen Ländereien
als Paradiese für Gärtner und Bastler, für Denker und Träumer
und Forscher und Genießer. Für die Kundschafter einer völlig
neuen Lebensweise. Wäre das eine wirklich so erschreckende Vision?
weiter
|
|
|