LUXUS DER LEERE

Kapitel 5

zur nächsten Seite

zum vorherigen Kapitel

zur Einleitung

 

Leseprobe:

Was bleibt? Neue Landschaften

1972 hatte der Club of Rome mit seiner Globalexpertise „Grenzen des Wachstums“ das bis dahin unverwandt auf Zuwachs und Beschleunigung fixierte Denken aufgestört. Leider ist es seither mit einer ökologischen Weltverantwortung, gar Umsteuerung weder stetig noch rückschlagsfrei voran gegangen. Im Gegenteil. Die Kapitulation des „Systemgegners Sozialismus“ hat in Sonderkonjunkturen und vorübergehender Aussicht auf Marktexpansion noch einmal die Erwartungen an eine ins Grenzenlose ausdehnbare Warenproduktion angeheizt, mitunter in geradezu hysterischer Heftigkeit.
Mit einem bisschen Mut zur Übertreibung ließe sich nun behaupten, die so sträflich sorglosen Verschwendungsgesellschaften erhalten noch eine zweite Chance, das Ruder herumzuwerfen, den unumgänglichen Paradigmenwechsel in Angriff zu nehmen. Diesmal ist es keine Energiekrise (noch nicht), sondern es sind die Krisensymptome der sich rapide ausbreitenden Verliererregionen, die die notwendigen Fragen aufwerfen. Und die eher früher als später zum Handeln zwingen, wobei es gleichgültig wäre, ob man dann von „gesteuerter Entwicklung“ spräche oder von „Schadensbegrenzung“, wenn es nur gelänge, die Schrumpfung der von Deindustrialisierung und Peripherisierung betroffenen Städte und Regionen zu den ihnen eigentümlichen Bedingungen – also in Abkehr von allen zwanghaften Wachstumsbeschwörungen – zu bewältigen. Ein neues Funktionsverständnis, eine neue Nutzungsidee, wieder eine Raison d’être für die aus den globalen Konkurrenzen ausgeschiedenen Räume finden – damit würde ein wichtiger Schritt in Richtung auf praktische Nachhaltigkeit getan, eine Reifeprüfung absolviert im Grundkurs ökologischen Denkens und Handelns.

Disparate Räume – New Territories
„Gehwege nach DIN-Norm, aber kaum noch Einwohner. Aufwendige Haltestellen ohne Buslinien. Gewerbegebiete als beleuchtete Schafweiden.“ Nach Meinung des Wirtschaftsjournalisten Hans Thie hat nichts der ostdeutschen Entwicklung in den zurückliegenden Jahren so sehr geschadet wie die „bedingungslose Anwendung des bundesdeutschen Rechts- und Ordnungsrahmens, die nahezu jedes kreative Experiment verhinderte.“ Diese Analyse hat es schwer, in einer breiteren Öffentlichkeit Akzeptanz zu finden, denn um viele, vor allem regional wirkende Schrumpfungsprobleme offensiv als Fantasie forderndes politisches Projekt anzugehen, hat sich ein Hinderungsgrund bislang als besonders hartnäckig erwiesen – das im deutschen Raumordnungsgesetz fixierte Gebot zur Gewährleistung gleicher Lebensbedingungen im ganzen Land. Bis in welche Tiefen des herrschenden Gesellschaftsbildes dieser an sich begrüßenswerte Vorsatz seit Generationen eingelagert wurde, zeigt das hochgradig schlechte Gewissen, mit dem Planer gelegentlich einräumen, welche Standards für sogenannte „Regionen im Hinterland“ schon jetzt nicht mehr einzuhalten sind: „Damit greifen wir in das Wertesystem von Lebensbedingungen ein und stellen möglicherweise einen der Grundsätze unserer Zivilisation auf den Kopf.“
Allerdings: Stellt eine crashartige Deindustrialisierung mit nachfolgender Dauerarbeitslosigkeit bis stellenweise 40 Prozent etwa keinen Eingriff in herrschende Lebensbedingungen und Wertesysteme dar? Und gehört Disparität der Verhältnisse nicht längst zur Alltagserfahrung?
...
Wie könnten regionale Privilegien beschaffen sein, um das Ansehen einer Gegend zu stärken und so die Lust zum Bleiben anzuregen? Vielleicht sollten hier zusätzliche Freiheiten winken? Eine Frage, der jeder einmal entsprechend seinen ganz persönlichen Freiheitsbedürfnissen nachgehen darf: Halbierung der Mehrwertsteuer? Kabelanschluss und Internet frei Haus? Öffentlicher Nahverkehr zum Nulltarif? Kneipen ohne Polizeistunde? Angeln ohne Angelschein? Auch „negative Freiheiten“ können attraktiv sein, also Auflagen und Restriktionen, für deren Einhaltung sich dann „Belohnungen“ maßschneidern ließen: Öko-Regionen, in denen nur noch Passivhäuser genehmigt und Autos mit Biodieselantrieb (aus heimischem Anbau) zugelassen würden, während Haushalte, analog dem Prinzip der Emissionszertifikate, für nachgewiesenen Einsatz erneuerbarer Energien Steuernachlässe oder Prämien kassieren.

Land der Freien
Nichts scheint leichter, als sich entleerte Landschaften und einsame Weiler in ihren annehmlichen Lebensqualitäten vorzustellen – jeder, der im Urlaub anderen Spuren als den Trampelpfaden des Massentourismus folgt, landet früher oder später in einer stillen Gegend. Nicht nur Besucher, auch die daselbst dauerhaft ansässigen Bewohner werden selten den Eindruck von Unzufriedenheit erwecken; sie halten es dort aus – weil ihnen niemand das Weggehen verwehrt. Dieser Einklang mit den Verhältnissen ist im Konfliktfall auch enorm belastbar, sein Geheimnis lautet ganz einfach: Freiwillig.
Nach allem, was bislang zu den Themen „soziale Sicherheit“ und „Transfergesellschaft“ entwickelt wurde, steht fest: Freiwilligkeit entsteht nur, wo keine Not ist. Die Wahl eines Ortes muss man sich leisten können. Solange sie von schieren Existenzsorgen diktiert wird, kann von freiem Willen keine Rede sein. Sobald jedoch für die Grundsicherung einer menschenwürdigen Existenz Lösungen gefunden sind, lässt sich die Alternative „Gehen oder Bleiben“ nach Temperament und individuellem Lebensplan entscheiden: Wer die weite Welt mit ihren Abenteuern und Zeitgeistern sucht, der geht; wer Halt in überschaubaren Verhältnissen braucht, der bleibt. [...] Als „Land der Freien“ ist jedes Land schön.
...
Solange eine Neuverortung von sozialer Integration und Existenzsicherung nicht gelingt, werden die inneren Peripherien weiter leer laufen bis zur Verödung, mit allen Risiken der Verwilderung – wobei da nicht so sehr an die Vegetation, vielmehr an die sozialen Zustände gedacht sein soll. Sobald aber das Prinzip Freiwilligkeit zur Geltung kommt, könnte aus der Verbannungszone das Abenteuerland werden, wo außer Gehen oder Bleiben mit einem Dritten fest zu rechnen ist: Es werden auch Leute hierher kommen, Neugierige, Tatendurstige, die „Zonen mit utopischem Potenzial“ suchen für „soziale und gestalterische Experimente im Sichtschatten unserer kontrollierten Welt...“ (Boris Sieverts)
...
Sollte mit dem Zugeständnis offenkundig disparater Räume und Lebensverhältnisse der Sprung über den eigenen Schatten, sollte also Neues Denken tatsächlich gelingen, könnte das so lange Unaussprechliche, dieses Herausfallen ganzer Landesteile aus den ökonomischen Verwertungszyklen, vielleicht einmal in einem anderen Lichte erscheinen: „Sollte man den Scouts und Pionieren, die dort im retardierenden Zukunftsland an den inneren Peripherien auf die ‚Rückkehr der Wölfe‘ warten, nicht jede Art von Anreizen geben, die Auflassungsarbeiten im Interesse des Weltklimas auf das Gewissenhafteste zu übernehmen?“ (Simone Hain) ... So klingen Überlegungen, die ohne Umschweife von New Territories ausgehen, wo eine experimentierfreudige Minderheit sich den Zukunftsfragen am Ende des Industriezeitalters lebenspraktisch stellt – nach Kräften und im wohlverstandenen Eigeninteresse vom mehrheitlichen Rest unterstützt. Was bedeuten würde – selbstverständlich alimentiert. An dieser Stelle nur keine Bescheidenheit: Warum den Scouts im nachindustriellen Neuland verwehren, was seit Jahrzehnten jedem Bauern Westeuropas zusteht, der nach Maßgabe übergeordneter Interessen seinen Acker nicht bestellt: eine „Stilllegungsprämie“!
Und so könnte am Ende der Abschied von einer Epoche noch die Wendung ins Positive finden: Die vom Industriezeitalter entlassenen Ländereien als Paradiese für Gärtner und Bastler, für Denker und Träumer und Forscher und Genießer. Für die Kundschafter einer völlig neuen Lebensweise. Wäre das eine wirklich so erschreckende Vision?

weiter