Gert Kähler in der Bauwelt 37/2000:

... Nun also Wolfgang Kil, der mit der Ost-Biografie, der die DDR nicht zurückhaben will und dennoch nicht zufrieden ist: Aufsätze aus zehn Jahren Vereinigungsgeschichte, Einsatz für vergessene Architekten mit sozialem Gewissen wie Hannes Meyer und Hans Schmidt, Einsatz für die baulichen Hinterlassenschaften der DDR, die nicht schöngeredet, aber in ihren Qualitäten (und deren Fehlen) genau betrachtet werden, Erinnerung an die Architekten, die im Rahmen eines systembedingten Korsetts versuchten, den aufrechten Gang beizubehalten. Und Widerstand gegen eine schnelle Vereinnahmung der DDR durch die westdeutschen Usurpatoren – „Kolonialarchitektur“ nennt Kil das; aber, aber!
Nachdem also die Dampfwalze westlicher Investoren, westlicher Kapitalgeber und westlicher Architekten mit ihrem westlichen Geschmack den deutschen Osten überzogen hat, sieht man Kil in einer Mischung aus brillant formulierten Bissigkeiten und der Sehnsucht nach Heimat. Er überblickt, während und nach dem Prozess selbst, das Ergebnis und kommt zu dem Verdikt, er habe nicht gut getan. Kil gestattet sich eine Betrachtung von Architektur, die nicht die Fassade, nicht die Ästhetik kritisch bewertet, sondern den Prozess, der zu ihrer Entstehung führte, und den prospektiven, der mit ihrer neuen Umgebung zu tun hat eine Betrachtung von Architektur als sozialer Kunst. Wiederaufbau des Berliner Schlosses, Abriss des Palastes der Republik - das sind in erster Linie keine städtebaulichen Fragen, sondern gesellschaftliche. Eine solche Perspektive hat heutzutage keine Konjunktur; aber Kil ist da hartnäckig: Da hat einer etwas dagegen, dass seine gebaute Umwelt und die seiner Nachbarn zerschlagen wird aus kommerziellen Interessen. Und ist sprachmächtig genug, das zu sagen.

 


Robert Kaltenbrunner in der Frankfurter Rundschau vom 7. September 2000

Ein Volk, hat Walther Rathenau einmal gesagt, denkt, indem Menschen miteinander reden. Demzufolge hat die Architektur nur dann eine Chance, ins Bewusstsein vieler zu dringen, wenn über sie gestritten oder lamentiert, wenn sie gefeiert oder verrissen wird. Doch in den meisten Köpfen, auch den medialen, existiert Architektur nur als ästhetisches Moment. Oder wenn sie Affären erzeugt. Als - gesellschaftliches Ereignis indes führt sie eine Schattenexistenz. Noch immer oder schon wieder. Dem versucht Wolfgang Kil zu begegnen. Redend, schreibend, argumentierend die Architektur - oder besser: die Gestaltung unserer Umwelt - zu begleiten, ist seit langem seine Domäne. Er verkörpert das Motto, dass Kritik der Beruf des Intellektuellen sei. Gelebt hat er das auch in Berliner Vorwendezeiten, was ihm den Ruf eines ewigen Dissidenten eintrug. Doch obgleich 1997 mit dem Kritikerpreis des BDA ausgezeichnet, scheint er für viele lediglich eine Art "Vorzeige-Ossi" der Architekturpublizistik darzustellen. Als wolle er sich an solch verkürzenden Zuschreibungen messen lassen, hat er nun eine ausgewählte Sammlung seiner Aufsätze der letzten zehn Jahre vorgelegt. Und die ist so kurzweilig wie stichhaltig, so kämpferisch wie sublim - wiewohl mitunter nicht ganz frei von Larmoyanz. ~ L'art pour l'art ist Kils Sache nicht. Vielmehr versucht er, die Architektur ins Rampenlicht einer Öffentlichkeit zu befördern, in der die Befindlichkeiten, Zustände, Probleme und Spannungen einer Gesellschaft zum Ausdruck kommen. "In den medienträchtigen Architektur- und Stadtdebatten kommt das dramatisch zunehmende Sozialgefälle überhaupt nicht vor: Die Spaltung der Gesellschaft ist als Naturgesetz lögst hingenommen, und deren Verlierer werden - thematisch wie praktisch - an die Ressorts Fürsorge und Innere Sicherheit abgeschoben. ästhetische Bilderlust und Soziologie stehen einander sprachlos, ja interesselos gegenüber." ... Die Themen, die er aufgreift, lesen sich wie ein Programm. Wie er sie angeht, das steht exemplarisch für seine Wahrnehmung und Wertung: Beim Lob manch unspektakulärer Bauten der Nachkriegsmoderne, ob am Lindencorso in Ostberlin oder bei Behnisch in München oder Bonn, hebt er ihren Entstehungskontext hervor. Seine Auseinandersetzung mit Axel Schultes "Band des Bundes" erreicht höchstes analytisches Niveau und gewährt einen neuen Zugang zu dieser bundesrepublikanischen Selbstinszenierung. ... Erklärtermaßen verortet sich Kil in einer Traditionslinie, die durch einige "sozialbewegte" Köpfen der Zunft gebildet wird: Bruno Taut, Julius Posener, Ulrich Conrads. Auf letzteren bezieht er sich in dem Satz, dass man kein Marxist sein müsse, um in der tiefen Entfremdung zwischen Geldwerten und Lebenswerten den Grund nicht allein für die Stiefkindschaft des städtischen Wohnens, sondern auch für den Niedergang des Städtischen Überhaupt zu sehen. So nimmt es nicht wunder, wenn Kil Qualität offenkundig nach ganz anderen Maßstäben definiert als die meisten Berufskollegen. Die Stars der Szene, die Durchführung von Wettbewerben und elaborierte Entwürfe allein sichern mitnichten die Alltagstauglichkeit des Gebauten und zu Bauenden. Hier spricht keiner, dem es um Oberflächen, um Ästhetik, um das Ding an sich zu tun ist. Ihm geht es um die sozialen Folgen und gesellschaftlichen Implikationen allen Planen und Bauens, um die davon Betroffenen. ... "Gerade weil Architektur so existenziell mit unserem Leben zu tun hat, will ich deren Schönheit an sich gar nicht ergründen. Es gibt keine Architektur ohne Voraussetzungen und Folgen. Diese sind mein Thema. Den bloßen Augenschein, wenn er mir denn zusagt, genieße ich still für mich." Für einen Architekturkritiker fürwahr eine bedenkenswerte Aussage.

 

Oliver Hamm im Deutschen Architektenblatt 10/2000:

... Mit Wolfgang Kil tauchte Anfang der neunziger Jahre in den westdeutschen Zeitungen und Fachzeitschriften ein Akteur auf, der ein Genre wiederbelebte, das nahezu in Vergessenheit geraten war: Während der Hauptstrom der (west-)deutschen "Kritiker" sich bis heute überwiegend in (selbst-)gefälligen Feuilletons mit der bildhaften Oberfläche des Baugeschehens beschäftigt und in Ideologiedebatten ergeht, war da plötzlich wieder jemand, der nicht nur genau hinschaute, sondern auch nach dem tieferen Sinn und - unvorstellbar - nach den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen fragte. Ein wahrhaft kritischer Geist also, etwa in der Tradition eines Ulrich Conrads, des langjährigen Bauwelt-Chefredakteurs, der aber in Zeiten einer "geistig-moralischen Wende" in der zunehmend auf Mainstream ausgerichteten Medienlandschaft nicht überall als Bereicherung willkommen geheißen wurde. [...] Wolfgang Kil ließ sich von den Zurückweisungen und Reserviertheiten in westdeutschen Redaktionen nicht beirren uns setzte seinen Weg als Chronist und Kommentator der im Baugeschehen manifestierten politischen und gesellschaftlichen "Wende" in Ostdeutschland fort - bis heute.
Das Buch "Gründerparadiese. Vom Bauen in Zeiten des Übergangs" versammelt nun gut drei Dutzend Beiträge aus den neunziger Jahren (darunter vier Erstveröffentlichungen), die ein atmosphärisch dichteres Bild des wiedervereinigten Deutschland (und insbesondere des wiedervereinigten Berlin) vermitteln, als es die meisten "offiziellen" Geschichtsbücher vermögen. Wie schreibt Kil im Epilog?: "Müsste ich mein Geld als Architekt am Reißbrett verdienen, ich hätte wahrscheinlich Angst vor der blanken Geschichtslosigkeit meiner eigenen Werke." Was zunächst wie eine pauschale Architektenscheite klingt, ist in Wahrheit eine beinahe resignative Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit im wiedervereinigten Deutschland, die sich durch nahezu alle, ausnahmslos gut recherchierten und zum kritischen (Nach-)Denken anregenden Texte Kils zieht. Wer sich nicht nur für gesellschaftliche und (bau-) geschichtliche Oberfläch(lichkeit)en interessiert, der kommt um dieses Buch nicht herum.

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Gründerparadiese.

Vom Bauen in Zeiten des Übergangs

 
       
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